Trollus Politicus
Anmerkung vom Lehrling:
Es geht bei dieser Geschichte nur um den Troll. Also möchte in den Kommentaren keine politischen Meinung lesen. Dieser Artikel soll nur versinnbildlichen auf welche Art und Weise mein Lehrmeister mit Trollen umspringt.


Vorwort:
Es war Frühjahr 2008. In Lhasa in Tibet gingen einige Scheiben zu Bruch, weil die Kommunistische Partei Chinas es nicht lassen konnte Ihren Zeitlupengenozid durchzuziehen. Die Nachrichten darüber sind großflächig in allen Medien verbreitet worden. Eine der dummen Nebenwirkungen der freien Meinungsäußerung ist ja, dass man ja schon seit Jahren in den erwachsenen Medien eigentlich jede Nachricht selber kommentieren darf. Hier sind Reibeflächen zu Trollen omnipräsent.

Auf Zeit.de sind ziemlich schnell und ordentlich gehäuft Typen aufgetaucht, die allesamt recht gute Ahnung von den Vorfällen hatten, sich kurz nach den Vorfällen dort registrierten und die eine Meinung vertreten haben, die deutlich auf der Linie der Kommunistischen Partei in Peking lagen:


Trollus Politicus
Diese Tierchen kann man in drei Kategorien einsortieren:

- Der Krakeeler: Taucht auf, lässt ein paar sinnentleerte Parolen vom Stapel (die meist nicht zum Thema passen) und verschwindet wieder. Das ist nicht einmal etwas für meinen Lehrling. Das wird wirklich zu Tode missachtet.

- Die Ein-Personen-Diskussionsrunde: Typen die versuchen, das Thema auf irgendwelche unverfänglichen Nebenaspekte zu reduzieren. Die sind zumeist ziemlich hilflos, wenn man an denen vorbei immer wieder Salz in die Wunde streut.

- Trollus Politicus Maximus: Einer, der relativ normal mitdiskutiert und immer wieder Punkte findet, die nicht allzu einfach zu wiederlegen sind. Dabei aber an einem entscheidenden Punkt versagen: Die scheren sich einen Dreck um Menschenrechte und damit gehören die aus einer freiheitlichen Diskussion rausgeschmissen.

Um so einen zu erlegen, bedarf es Beobachtung, einer Strategie, Vorbereitung, einer Falle und einen Fehler seinerseits.


Kapitel 1: Die Beobachtung
Es fiel mir auf, das Maximus zu ziemlich schrägen Uhrzeiten seine Posts abgab und nach einiger Recherche trafen diese Uhrzeiten auf den Nachmittag und frühen Abend pekinger Zeit zu. Er postete zielgerichtet in Zeit-Artikeln, die sich um die Krawalle in Lhasa drehten und tat dies in einem ziemlich einmaligen Duktus. Man konnte herauslesen, dass er kein deutscher Muttersprachler war, denn mit Fremdworten oder sinnübertragenen Wortspielen hatte er es nicht so. Er kannte Deutsch nur aus dem Duden. Dies hingegen sehr gut.

Seine Strategie war, dass er sich Zitate von renommierten Medien nahm und diese wie eine Monstranz vor sich hertrug. Die Quellen waren mit Bedacht ausgesucht und aus deutschen und englischen Medien zusammengetragen. Hat man da etwas genauer nachgeforscht, fand man meist schnell heraus, dass seine Zitate völlig aus dem Zusammenhang gerissen waren und im Endeffekt das Gegenteil besagten. Dieser Fehler war wie ein roter Faden durch nahezu alle seine Argumente zu sehen. Dann hatte er die einmalige Fähigkeit, mehrere Posts mit jeweils über 1000 Zeichen binnen fünf Minuten zu tippen. Völlig unmöglich, wenn man während des Tippens auch mal nachdenken muss. Trollus Maximus war zwar nur einer an der Tastatur aber der hatte noch ein Team hinter sich zu stehen, was ihm Material zusammentrug.

Ich hatte einen Diamanten gefunden: Ein Troll direkt aus dem Propagandabüro der Kommunistischen Partei in China.


Kapitel 2: Die Strategie
Einen Troll muss man dazu bringen, dass er selber zugibt, ein Troll zu sein oder dass man es schafft soviele Indizien heran zu schaffen, dass nur noch dieser eine Schluss bleibt. Ich testete erstmal an, was seine verwundbaren Stellen waren: Er sitzt in China, also ist er den chinesischen Realitäten unterworfen.

Er reagiert sehr empfindlich, wenn man auch nur andeutet, dass er Parteisoldat ist. Das wird von ihm vehement abgestritten. Da ist er im weiteren Verlauf ziemlich intelligent geworden. Diese Art der Attacken hat er später einfach ausgesessen. Er wirft auch mal gerne mit dem offiziellen Propagandamaterial der chinesischen Medien herum und reagiert auch wie ein Parteisoldat: Immer schön auf Linie der KPCh (Kommunistischen Partei Chinas)

Und da war mein Hebelpunkt.
Es gibt ein Video auf Youtube, was die "Brutalität" der Tibeter zeigen soll. Ein Video von 40s länge, indem gleich mehrere Typen einen harmlosen Motoradfahrer vermöbeln und mit Steinen beschmeissen. Irgendwie bin ich das Gefühl nicht losgeworden, dass mit dem Video etwas nicht stimmt. Also habe ich es mir wieder und wieder angesehen. Habe versucht zu ermitteln, wer wann auf wen was schmeißt und schließlich fiel mir auf, dass das Opfer und der Haupttäter in den letzten drei Sekunden völlig friedlich nebeneinander stehen.

Dieses Video ist ein Fake und ein schlechter noch dazu. Das funktioniert nur, wenn man die letzten paar Sekunden rausschneidet und es nur wenige male im Fernsehen zeigt ohne dass der Zuschauer die Chance hat, sich das in Zeitlupe anzusehen. Das Video wird meine Munition und die werd ich auf deine Glaubwürdigkeit feuern.

Du hast das Video ins Spiel gebracht und ich werde dafür sorgen, dass es dir im Hals stecken bleibt, auf dass du nichtmehr schreien kannst und dass es danach deine Glaubwürdigkeit zerreißt.


Kapitel 3: Die Vorbereitung
Ich habe immer wieder mal angetestet, ob unser Trollus Politikus Maximus fremde Quellen verifiziert. So habe ich mal ein paar Quellen verlinkt, die vom Guardian.co.uk über Tagesspiegel.de und Zeit.de bis hin zur "Vorläufigen Tibetischen Regierung im Exil" (Der Organisation um den Dalai Lama) quer durchs Internet gingen. Auf alles bis auf die Tibetische Regierungsseite und ein paar unverfängliche Youtube-Links hat er reagiert. Mit dem Punkt im Hinterkopf, dass er in Peking sitzt, war mir klar, dass der dank der Zensur keinen Zugriff auf diese Seiten hat. Sein Schwachpunkt war also ausgemacht.

Anfangs hab ich nur die Wiedersprüche in dem Video aufgezählt: Völlig irrationales Verhalten des Opfers, total dämliches verhalten der Täter und schließlich das zusammenstehen am Ende. Das hat der dadurch pariert, indem er die Quelle ausgebuddelt hat: Angeblich ein US-Tourist, der dies zufällig gedreht hat. Sein Problem war, dass ich nach seinem Tipp diesen Typen nachrecherchiert hab und dort soviele Ungereimtheiten fand, dass die Quelle schon verbrannt war. Was aber nichts über das Video aussagt: Auch ein blinder Trinker findet mal ein Korn. Ich musste es schaffen, dass er selber sagt, dass er die letzten Sekunden nie gesehen hat. Damit sagt er selber, dass er in Peking sitzt. Dann ist es nur noch eine Sache von Sekunden, dass ich ihm den Parteisoldaten nachweise.


Kapitel 4: Die Falle
Ich lies etliche Stunden verstreichen, in denen ich mal gar nichts im Forum gemacht habe. Ich war einfach nicht da.
Dann ging’s zum entscheidenden Schlag: Ich präsentierte einen Post, der das Video protokolierte. Nach meinem Vorwort in "gerichtsverwertbarer Qualität" und dass ich das mithilfe eines "Gutachters für Videoaufnamen" gemacht hatte. Ok, war ein bissl... war komplett gelogen, aber Scheiss drauf. Für den Typen reichts.
Ich hatte ein Text geschrieben, der Sekunde für Sekunde in Textform das gesamte Geschehen nacherzählte und das so bildlich, dass man das Video nicht gesehen haben musste. Am Ende baute ich da einen Fehler ein, der die Qualität völlig konterkarierte: Ich baute einen "Rosa Elefanten" ein.

Was ist ein Rosa Elefant?
Wenn Sie dieses Foto für 4s sehen, was sehen Sie sich für 3s an? Richtig, den Rosa Elefanten.

Als Rosa Elefanten bezeichnete man in der DDR im Theater Dinge die so offensichtlich gegen die Partylinie verstießen, dass der Zensor die streichen musste. Die kleinen Seitenhiebe dagegen, die an nahezu selber Stelle versteckt waren sind dann meist durchgekommen.

Ich wollte den Rosa Elefanten. Ich wollte dass er ihn findet und ich wollte dass er ihn mir um die Ohren haut. Nur er konnte ja nicht: Er konnte die Differenzen zwischen dem Text und dem Video nicht auflösen, da er das Video nicht sehen konnte.
Ich behauptete, dass einer der Beteiligten eine grüne Hose trug. Im ganzen Video war nicht eine grüne Hose, keine grüne Jacke, nicht mal eine grüne Pflanze zu sehen. Der Punkt war so absurd falsch, dass es wirklich jedem auffallen musste.

Kapitel 5: Sein Fehler
Trollus Maximus Politicus reagierte wie erwartet: 1h später kam er mit irgendwelchen Plattitüden, die er schon fünf Posts vorher aus der Kiste gezogen hatte. Völlig ausgekauter Kram. Kein Wort von dem Fehler, kein Wort über das Video, nichts. In einer Stunde ist Ihm nicht aufgefallen, dass ich da voll den Bock geschossen habe?

Also hab ich Ihn mal darauf hingewiesen, dass es dort einen Fehler gab, welchen Fehler ich gemacht hatte und dass dieser Fehler vorsätzlich von mir eingebaut wurde um nachzuweisen, dass er dieses Video entweder gar nicht sehen kann oder dass er zu dämlich ist, sich dieses Video anzusehen. Letzteres darf er nicht auf sich sitzen lassen, zumindest mit einer Ausrede hätte er kommen müssen. Aber nichts! Er hat also zugegeben, dass er das Video nicht sehen konnte, weil er auch in nachfolgenden Posts keinerlei bezug auf das Video nahm. Er hat über Bande zugegeben, dass er kein Youtube sehen konnte und es gibt nur ganz wenige Orte, wo dies möglich war. Einer der Orte ist China

Troll erlegt! CC Lizenz: Sanctu

Das Gejubel unter den restlichen Forenteilnehmern war dann auch dementsprechend und die meisten konnten die Schadenfreude nicht zurückhalten.

Seine Versuche, über die "Ein-Personen-Diskussionsrunde" wieder reinzukommen sind mit "kläglich" ausreichend präzise umschrieben und nach wenigen Stunden hat er dann auch aufgehört sein Propagandaquatsch abzusondern.

Trollus Politikus Maximus down!

Doch Trolle sind wie Zombies, die sterben nicht so einfach...